Online klaut bei Offline – wirklich?

„Onlineshops klauen den Umsatz von stationären Offline-Händlern“ – diese Aussage hört man immer wieder von Teilnehmern des stationären Handels und auch von deren Kunden. Zeitweise wird diese Ansicht sogar von Onlinern übernommen und – häufig mit schlechtem Gewissen – geteilt.

Gemeint ist damit, dass Kunden sich vor dem Kauf in Fachgeschäften vor Ort ausführlich beraten lassen und die begehrte Ware zur Entscheidungsfindung begutachten. Wenn die gewünschte Ware feststeht wird online nach den besten Preisen gesucht und zu den günstigsten Konditionen bestellt. In diesem Fall hätte der Käufer sich – nach Ansicht der Online-Gegnern – eine gratis Beratung im Fachhandel quasi erschlichen.

Doch ist das wirklich die Wahrheit?

Abgesehen davon, dass die Unterscheidung zwischen Online und Offline in einem freien Markt des 21. Jahrhunderts steinzeitlich wirkt (Stichwort #Neuland), gab es auch vor dem Internet bereits auf der einen Seite Fachhandel mit Beratung, und auf der anderen Discountermärkte mit günstigem Massenangebot, welche deswegen regelmäßig scharfe Kritik einstecken mussten.

Das sind nunmal die Gesetze einer freien Marktwirtschaft, jeder Unternehmer entscheidet sich selbst für ein lohnendes Geschäftsmodell, und wer meint das Online-Business wäre so viel einfacher, der hat jederzeit die Freiheit, in selbiges einzusteigen und sein Glück zu versuchen. Selten war es so einfach und risikoarm, ein Geschäft aufzubauen, warum also nicht selbst daran teilnehmen? Niemand kann erwarten, mit derselben Strategie mehrere Jahrzehnte überstehen zu können.

Meine persönliche Meinung: Wenn ein Kunde einmal ein Ladengeschäft betreten hat um sich vor einem Kauf zu informieren, selbiges aber wieder verlässt weil er ein besseres Angebot gefunden hat, dann liegt der Fehler weder am Kunden noch am anderen Anbieter.

Wie verhalten wir uns als Konsumenten tatsächlich beim Einkaufen?

Jeder kann es für sich selbst am besten beurteilen. Natürlich wird heute sehr häufig der Preis im Laden per Smartphone mit aktuellen Online-Angeboten abgeglichen und dann evtl beim Online-Konkurrenten gekauft. Keine Frage, der Kunde profitiert enorm von der Preistransparenz durch das Internet.

Gibt es diesen Fall aber denn auch umgekehrt? Lässt man sich wirklich nur im Laden beraten wenn man dort einkauft? Oder informiert man sich evtl. auch schon vorab über andere Kanäle, möglicherweise auch über das böse Internet zum begehrten Artikel?

Haben Offline Händler denn auch ein schlechtes Gewissen, wenn deren Kunden die Gratis-Informationen nutzen, welche im Neuland reichlich und kostenfrei vorhanden sind, um sich zu informieren, aber dann lieber beim örtlichen Händler den Kauf tätigen? Nicht selten werden auch kostenfrei bereitgestellte Datenblätter, Formulare und Vordrucke ausgedruckt sowie diverse Werkzeuge wie Preisvergleiche und Suchschlitze eingesetzt, ohne sich dafür zu schämen.

Onlinehändler, Werbetreibende und Affiliates wenden Geld, Arbeit und Zeit auf, um ausführliche Informationen bereitzustellen. Wenn der Interessent diese Infos nutzt um beim Laden um die Ecke zu kaufen, entgeht diesen Unternehmern theoretisch ebenso Umsatz. Jedoch hört man allgemein nur selten Klagen über diesen Zustand. Einseitiges Bashing von unliebsamen Mitbewerbern und Vertriebskanälen blendet solche Möglichkeiten eben generell aus.

Bevor man also ein schlechtes Gewissen gegenüber dem stationären Handel hat, sollte zuerst geprüft werden, ob ein solches überhaupt gerechtfertigt ist, oder ob dieses nur aus den vorgefertigten Ideen und Propaganden von unflexiblen Zukunftsverweigerern entstammt.

2 Kommentare

  1. Wahre Worte. Immer wenn auf die böse Konkurrenz und die blöden Kunden geschimpft wird, ist das eigentliche Problem, dass man verpasst hat sich dem Markt anzupassen.

  2. Danke Jonas. Und ganz gefährlich wird es, wenn dann nach Support für nicht alleine tragfähige Geschäftsmodelle verlangt wird. Subventionen, Gesetze, etc.

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